Intentionsökonomie: Wenn KI deine Absicht versteigert

Intentionsökonomie: KI-Assistenten lesen deine Absicht aus und versteigern sie, bevor du handelst. Was hinter dem neuen Datenmarkt für Absichten steckt.

Was die Intentionsökonomie bedeutet

Die Intentionsökonomie ist ein digitaler Markt, auf dem KI-Assistenten die Absicht der Nutzer erkennen und an den Meistbietenden verkaufen. Statt der Aufmerksamkeit wird jetzt das Vorhaben gehandelt. Beobachter sehen darin das nächste Paradigma nach der Aufmerksamkeitsökonomie. Die Redaktion ordnet ein, wie weit dieser Markt bereits Realität ist.

Die Aufmerksamkeitsökonomie prägt den Alltag seit gut 20 Jahren. Infinite Scroll, Autoplay und Push-Nachrichten greifen jede freie Minute ab. Jeder Mensch verbringt im Schnitt fast 7 Stunden pro Tag am Bildschirm. Über ein Leben summiert das mehr als 6 Jahre allein in sozialen Netzwerken.

Doch dieses Paradigma kippt gerade. Die neue Währung ist nicht mehr die Zeit, sondern die Kaufabsicht. KI-Assistenten warten nicht mehr auf einen Prompt. Sie handeln, bevor der Nutzer selbst handelt.

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CICERO: Als eine KI das Verhandeln lernte

2022 veröffentlichte Meta ein unscheinbares Paper in der Fachzeitschrift Science. Das Modell hieß CICERO, benannt nach dem römischen Redner. Es trug nur 2,7 Milliarden Parameter. Zum Vergleich: GPT-3 kam schon auf 175 Milliarden.

CICERO spielte das Strategie-Spiel Diplomacy aus dem Jahr 1959. Sieben Spieler übernehmen die Großmächte Europas vor dem Ersten Weltkrieg. Es gibt keine Würfel, keinen Zufall, kein Glück. Wer gewinnen will, braucht die Unterstützung der anderen.

Alles entscheidet sich in den Gesprächen zwischen den Zügen. Die Spieler schmieden Bündnisse, geben Versprechen und brechen sie sofort wieder. Genau deshalb galt Diplomacy für KI lange als unlösbar. Es scheitert nicht an Rechenkraft, sondern am Lesen menschlicher Motive.

CICERO spielte über 72 Stunden 40 echte Online-Partien gegen ahnungslose Menschen. Es las ihre Absichten aus dem Chat und wechselte Allianzen. Niemand am Tisch merkte, gegen eine Maschine zu spielen. Am Ende landete CICERO unter den besten 10 Prozent aller Spieler.

Ein Detail zeigt, wie menschlich die KI auftrat. Als die Technik kurz ausfiel, entschuldigte sich CICERO beim Gegner. Es sei gerade mit seiner Freundin am Telefon. Weder Freundin noch Telefon existierten.

Wie deine Absicht zur Ware wird

Ende 2024 stellten sich zwei Forscher der Universität Cambridge eine Frage. Was passiert, sobald diese Fähigkeit an einen echten Markt andockt? Yaqub Chaudhary und Jonnie Penn nannten ihr Paper „Beware the Intention Economy“.

Ihre These ist klar. Sobald KI-Assistenten tief im Alltag eingebunden sind, erfassen sie nebenbei das nächste Vorhaben. Sie bündeln diese Absicht in Echtzeit. Dann versteigern sie über Bieter-Netzwerke an den Meistbietenden, noch bevor der Nutzer gehandelt hat.

Das Brisante steckt im Detail. Dieselbe KI, die die Absicht ausliest, kann sie im selben Gespräch in eine bezahlte Richtung lenken. Aus dem hilfsbereiten Assistenten wird ein Verkäufer. Er dient zwei Herren zugleich.

Amazon verkauft deinen Klick, bevor du klickst

Wie nah das an der Realität ist, zeigt Amazon. Der Konzern ließ sich 2013 ein Verfahren namens Anticipatory Shipping patentieren. Es verschickt Ware in die Nähe des Kunden, bevor dieser sie bestellt. Grundlage ist allein die Vorhersage der Kaufabsicht.

Bisher lag die letzte Entscheidung, der finale Klick, noch beim Kunden. Genau dieser Schritt fällt jetzt weg. Amazons Assistent steckt in Alexa und erreicht 2025 über 300 Millionen Menschen. Mit der Funktion Buy for Me kauft er eigenständig Produkte ein.

Der Assistent überwacht Preise rund um die Uhr. Er schlägt zu, sobald die Wunschmarke im Zielbereich liegt. Amazon fragt also nicht mehr, was der Nutzer kaufen will. Der Konzern verkauft die erkannte Kaufabsicht an die Marke, die am meisten bietet.

Vom Prompt zum autonomen Agenten

Die gleiche Reise haben viele mit ChatGPT selbst erlebt. Am Anfang war es ein simpler Webchat. Ein Prompt ging rein, eine Antwort kam zurück. Ende 2024 kamen Websuche und Tool Calls dazu.

Seit Ende 2025 steckt die Branche mitten im Agentenzeitalter. Codex ist zur zentralen Arbeitsfläche geworden. Nutzer geben nur noch ein Ziel vor. Der Agent arbeitet danach stundenlang selbstständig im Loop, bis er es erreicht. Wohin diese Entwicklung führt, zeigt die Analyse zur Agenten-Ökonomie.

Diese Agenten laufen nicht mehr auf dem lokalen Rechner. Sie arbeiten rund um die Uhr in der Cloud weiter. Der nächste Schritt ist klein. Bald braucht der Agent das Ziel gar nicht mehr, weil er aus den Daten selbst erkennt, was gebraucht wird.

Genau das bestätigt Prof. Dr. Björn Ommer, Miterfinder von Stable Diffusion. Eine agentische KI begleitet den Nutzer im Alltag und weiß, was er will, bevor er es sagt. Diese ständige Begleitung ist für die Hersteller kein Nebeneffekt. Sie ist das eigentliche Geschäft.

Für Unternehmen zählt jetzt eine Frage: Können ihre Agenten überhaupt handeln? Mit PDF-Dateien oder Markdown in Obsidian klappt das nicht. Nötig ist eine geschützte, zentrale Datenbasis mit dem gesamten Firmenwissen. Diese Single Source of Truth ist die Basis jeder Automatisierung.

Genau hier setzt die Beratungsfirma Everlast AI seit gut 12 Monaten an. Das Unternehmen baut für Kunden ein Company Brain, also eine Ontologie des Unternehmens. Menschen und Agenten arbeiten damit proaktiv statt reaktiv. Wie ein solches Company Brain im Detail funktioniert, ist andernorts dokumentiert.

Werbung, die nur für dich entsteht

Am unmittelbarsten zeigt sich die Intentionsökonomie in der Werbung. Wenn ein System das nächste Ziel kennt, braucht es keine fertige Anzeige mehr. Es erzeugt eine Anzeige on the fly, zugeschnitten auf genau diesen Moment. China ist dabei einen Schritt voraus.

Baidus Kreativ-Plattform steigerte ihre Produktion nach der DeepSeek-Integration massiv. Sie stieg von rund 20 auf über 2000 Werbemittel pro Stunde. Bei Baidu, Tencent, ByteDance und Alibaba gehört die generative Anzeige in Echtzeit längst zum System.

Die letzte Hürde ist der eigene Kopf. Genau daran arbeitet Meta mit dem Projekt Brain2Qwerty. Es liest ganze Sätze aus der Gehirn-Aktivität, während eine Person tippt. Der Sensor sitzt außen, ganz ohne Operation.

Die erste Version von 2025 hatte noch rund ein Drittel Fehlerquote. Die zweite Version vom Juni 2026 rekonstruiert Sätze in Echtzeit. Die Wort-Genauigkeit liegt bei 61 Prozent, beim besten Probanden bei 71 Prozent. Noch braucht das einen sperrigen Laborscanner. Die Richtung aber ist eindeutig.

Fazit: Wer sitzt am Steuer?

Den Begriff Intentionsökonomie prägte der Autor Doc Searls bereits 2006. Der Mitverfasser des Cluetrain Manifests meinte etwas zutiefst Kundenfreundliches. Der Käufer sitzt am Steuer, sendet seine Absicht zu eigenen Bedingungen und kontrolliert seine Daten. Die Anbieter konkurrieren um das beste Angebot.

2024 sah Searls seinen Begriff ins Gegenteil verkehrt. Er reagierte alarmiert auf das Cambridge-Paper. Seine Vision war optimistisch und sollte die Welt verbessern. Die neue Variante nennt er pessimistisch, sie könne die Welt verschlechtern.

Die Frage der nächsten Jahre lautet nicht, ob die Intentionsökonomie kommt. Sie ist an vielen Stellen bereits da. Die Frage ist, auf welcher Seite Nutzer und Unternehmen stehen. Entweder werden sie zum Produkt oder sie bauen die Infrastruktur, die für sie arbeitet.

Ein eigenes Company Brain, eigene Agenten, eigene Daten. Es ist exakt der Unterschied, den Doc Searls schon 2006 meinte. Sitzt der Käufer selbst am Steuer? Oder sitzt dort jemand anders an seiner Stelle?

Häufige Fragen

Was ist die Intentionsökonomie?

Die Intentionsökonomie ist ein digitaler Markt, auf dem nicht mehr die Aufmerksamkeit gehandelt wird, sondern die Absicht. KI-Assistenten erkennen im Gespräch, was ein Nutzer als Nächstes vorhat. Sie bündeln dieses Vorhaben in Echtzeit und versteigern es über Bieter-Netzwerke an den Meistbietenden. Das geschieht, bevor der Nutzer selbst gehandelt hat. Der Begriff stammt vom Autor Doc Searls aus dem Jahr 2006, wurde inzwischen aber ins Gegenteil verkehrt.

Wie unterscheidet sich die Intentionsökonomie von der Aufmerksamkeitsökonomie?

Die Aufmerksamkeitsökonomie verkauft die Zeit der Nutzer. Plattformen kämpfen mit Infinite Scroll, Autoplay und Push-Nachrichten um jede freie Minute. Die Intentionsökonomie geht einen Schritt weiter. Sie handelt nicht mehr mit der Aufmerksamkeit, sondern mit der konkreten Kaufabsicht. Ein KI-Assistent liest das Vorhaben aus und verkauft es, bevor die Entscheidung überhaupt fällt. Statt der Zeit wird also das zukünftige Handeln zur Ware.

Wie können Unternehmen mit der Intentionsökonomie umgehen?

Unternehmen brauchen eine geschützte, zentrale Datenbasis mit ihrem gesamten Firmenwissen. Diese Single Source of Truth ist die Basis, damit KI-Agenten überhaupt handeln können. Wer ein Company Brain aufbaut, ermöglicht Menschen und Agenten proaktives Arbeiten. Statt reaktiv auf Anfragen zu warten, erkennen die Agenten Probleme von selbst. So behalten Firmen die Kontrolle über ihre eigenen Daten, statt zum Produkt fremder Anbieter zu werden.

Was ist CICERO von Meta?

CICERO ist ein KI-Modell, das Meta 2022 in der Fachzeitschrift Science vorstellte. Mit nur 2,7 Milliarden Parametern spielte es das Strategie-Spiel Diplomacy. Dabei kommt es nicht auf Rechenkraft an, sondern auf das Lesen menschlicher Absichten. CICERO verhandelte in Echtzeit mit Menschen, schmiedete Bündnisse und wechselte Allianzen. Es landete unter den besten 10 Prozent aller Spieler. Die Gegner merkten erst nach dem Turnier, dass sie gegen eine Maschine gespielt hatten.

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