KI in China: Michael Keppe über Tempo und Arroganz
KI in China ist längst Teil des Alltags, nicht mehr nur ein Forschungsthema. Michael Keppe ist CEO und Co-Founder von Impala und Pergamon Labs sowie Vorstand der Deutschen Handelskammer Hongkong. Seit 21 Jahren lebt er in Hongkong. Im YouTube-Interview beschreibt er, wo deutsche Unternehmen gegenüber China zurückfallen.
Das Gespräch fand in Hongkong statt. Themen sind Tempo, der AI Act, Open Source und KI-Agenten in der Produktdokumentation.
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Vom Praktikum in Peking zur Firma mit 110 Leuten
Keppe kam per Zufall nach China. Ein Anruf in der WG brachte ihm ein Praktikum in Peking. Sechs Wochen später saß er dort im Büro. Heute führt er mit drei Partnern Impala, die Firma seines damaligen Praktikums.
Impala beschäftigt rund 110 Mitarbeiter. Der Fokus liegt auf technischer Dokumentation: Bedienungsanleitungen, Labels, Verpackungen, Übersetzungen und Produktfotos. Zu den Kunden zählen Aldi, Lidl, Rewe, Amazon, Target und Walmart. Pergamon Labs entstand, weil Impala keine technischen Redakteure mehr fand. Die Nachfrage lag über der Kapazität. Ohne Wachstum, so Keppe, stirbt ein Unternehmen schnell.
Warum China die Werkbank der Welt bleibt
Trotz aller Debatten über De-Risking kommen laut Keppe noch immer rund 90 % der Ware aus China. Er nennt Technologie, Effizienz und einen kaum schlagbaren Preis als Gründe. Hongkong bietet dafür drei Vorteile: Shenzhen liegt eine halbe Stunde entfernt. Das Finanzsystem folgt internationalen Standards. Und jede Metropole Asiens ist in wenigen Flugstunden erreichbar.
Auffällig ist die zweite Kundengruppe. Chinesische Marken wie DJI drängen selbstbewusst nach Europa. Sie brauchen rechtssichere Dokumentation für jeden Zielmarkt. Die Zahl der Rückrufe auf der EU-Plattform Rapex hat sich in drei bis fünf Jahren verdreifacht. Der Aufstieg Chinas als Technologiemacht zeigt sich also auch im Kleingedruckten.
KI in China: Drei Prototypen, bevor Deutschland startet
Den größten Unterschied sieht Keppe in der Geschwindigkeit. Chinesische Firmen starten mit 70 % Sicherheit, scheitern, lernen und wiederholen. Wenn ein deutsches Team sich sicher genug fühlt, haben die Chinesen schon drei bis vier Prototyp-Generationen hinter sich.
Ein Beispiel aus der Autoindustrie: Ein deutscher Zulieferer nannte für ein Modul neun Monate Vorlauf. Der chinesische Partner hatte nur zwei Monate. Er baute das Modul ohne Vorwissen selbst und lieferte pünktlich einen funktionierenden Prototyp. Keppe wünscht sich einen Hybrid aus chinesischem Tempo und deutscher Genauigkeit.
Pergamon Labs: KI-Agenten schreiben Bedienungsanleitungen
Eine Bedienungsanleitung ist ein rechtliches Dokument. Sie schützt den Hersteller, wenn ein Produkt Schaden anrichtet. Viele Normen verlangen exakte Sätze, nicht nur sinngemäße Inhalte. Generative KI liefert Plausibilität, aber keine garantierte Genauigkeit. Kunden in diesem Markt akzeptieren kein Restrisiko.
Pergamon setzt deshalb auf ein Hybridsystem. Eine deterministische Datenbank mit XML und Metadaten bildet das Fundament. Darauf arbeitet ein KI-Agent mit RAG und weiteren Methoden. Keppe vergleicht ihn mit einem Bibliothekar, der jedes Buch kennt. Nutzer laden Testberichte und Dokumente hoch oder drehen ein Video in der Fabrik. Der Agent wertet Ton, Bild und Text aus, wählt Blueprints und Normen und baut die Anleitung.
Die genannten Zahlen sind deutlich. Eine Anleitung für eine Espressomaschine dauerte bisher rund einen Monat. Mit Pergamon sind es wenige Tage oder ein Tag. Intern spart das System seit über zwei Jahren 80 % der Redaktionszeit. Die Redakteure erreichen fünfmal mehr Output. Das Validieren der Ergebnisse dient zugleich als Trainingsdatensatz.
Datenchaos und AI Act bremsen Europa
Das größte Problem bleibt die Datenqualität. Vor zwei Jahren nahmen Behörden 2.000 Produkte vom Markt, weil im Entsorgungshinweis ein Satz fehlte. Das Einfügen dauerte Minuten. Das Einsammeln der verstreuten Daten bei Agenturen, Lieferanten und Freelancern dauerte zwei Monate. Ohne eine zentrale Quelle der Wahrheit kann keine KI helfen.
Dazu kommt die EU-Regulierung. Der Accessibility Act betrifft laut Keppe rund 83 Millionen Menschen in Europa. Der EU AI Act bremst zugleich die Einführung neuer Software. Zwei Pergamon-Kunden prüfen die AI-Act-Unterlagen seit zwei Monaten. Die Debatte um KI-Regulierung in Europa bekommt damit ein konkretes Praxisbeispiel.
Was der Mittelstand jetzt tun sollte
Mit der Handelskammer hat Keppe gemeinsam mit 20 Firmen einen KI-Blueprint entwickelt. Partner war die KI-Fakultät der University of Hong Kong. Der erste Schritt ist eine Diagnose. KI muss von oben gesteuert werden und ein klares Ziel haben. Dann folgen zentrale Daten und schlankere Prozesse. Keppe räumt ein, selbst sinnlose Prozesse mit KI optimiert zu haben.
Danach kommen die Mitarbeiter. Eine einfache Umfrage deckt Shadow AI und gute Kandidaten auf. Repetitive und aufwendige Aufgaben eignen sich für erste Piloten. Eine Projektmanagerin bei Impala baute einen Agenten für Angebote. Statt 8 bis 10 Stunden braucht sie jetzt 10 Minuten.
Hongkong selbst ist ein starkes Ökosystem. Im Cyberport arbeiten laut Keppe 250 bis 300 geförderte KI-Startups, Pergamon gehört dazu. Die Kammer plant aktives Matchmaking zwischen deutschen Firmen und diesen Startups.
Fazit: KI in China zeigt, was auf Deutschland zukommt
KI in China ist Infrastruktur, in Deutschland gilt sie noch als Zusatz. Keppe sieht Deutschland mit Ingenieurskunst und Innovationskraft gut gerüstet. Was bremst, sind Langsamkeit und eine gewisse Arroganz. Deutsche Maschinen kosten in Asien oft das Doppelte bis Dreifache gleichwertiger chinesischer Ware. Chinesische Open-Source-Modelle laufen dabei auf eigenen Servern, ohne Datenabfluss nach China.
Sein Appell lautet: mehr ausprobieren und mehr Fehler machen. Führungskräfte, die 2026 KI noch mit E-Mail-Zusammenfassungen gleichsetzen, bereiten ihm Sorge. Die Kluft zwischen KI-Anwendern und Abwartenden wächst jeden Monat.
Häufige Fragen
Wie weit ist KI in China im Alltag verbreitet?
Michael Keppe beschreibt China bei der Integration von KI in den Alltag als deutlich weiter als Deutschland. Fast alles läuft über Apps wie WeChat, E-Mail spielt kaum noch eine Rolle. Selbstfahrende Autos gehören in vielen Städten zum Straßenbild. Die USA führen nach seiner Einschätzung bei neuen Modellen. China führt dagegen bei der Anwendung im täglichen Leben.
Was macht Pergamon Labs?
Pergamon Labs entwickelt eine KI-Software für Bedienungsanleitungen und Produktdokumentation nach EU-Vorgaben. Das System kombiniert eine deterministische Datenbank mit KI-Agenten, die passende Bausteine und Normen auswählen. Eine Anleitung für eine Espressomaschine dauerte bisher rund einen Monat. Mit Pergamon schrumpft das laut Keppe auf wenige Tage oder einen Tag. Das Startup sitzt im Incubation-Programm des Cyberport in Hongkong.
Warum bremst der AI Act KI-Projekte in Europa?
Der EU AI Act stellt hohe Anforderungen an Datenhaltung, Hosting und Privatsphäre. Keppe berichtet von zwei Kunden, die Pergamon dringend einsetzen wollen. Das Projekt liegt dort seit zwei Monaten auf Eis, weil die AI-Act-Unterlagen intern geprüft werden. Viele Prüfer verstehen die Verordnung nach seiner Beobachtung selbst noch nicht vollständig. Er hält das für temporär, aktuell bremst es das Geschäft in Europa aber stark.
Sind chinesische Open-Source-Modelle für deutsche Firmen sicher?
Chinesische Open-Source-Modelle lassen sich auf eigenen Servern in Deutschland betreiben. Dabei fließen keine Daten nach China, das Modell läuft nur in der eigenen Infrastruktur. Keppe hört oft von deutschen Firmen, sie hätten keine Auswahl bei KI-Modellen. Er widerspricht: Die Auswahl ist groß, entscheidend ist ein sauberes Setup.
Wie starten Unternehmen am besten mit KI?
Keppe rät zu einer Diagnose statt wilder Tool-Einführung. KI gilt bei ihm als Chefsache mit klarem Ziel. Danach folgen Datenzentralisierung, ein Blick auf unnötige Prozesse und eine Umfrage unter Mitarbeitern. Repetitive und aufwendige Aufgaben eignen sich als erste Piloten. In seiner Firma erstellt ein Agent ein Angebot in 10 Minuten statt in 8 bis 10 Stunden.









