Laserfusion: Thomas Forner über das Kraftwerk in Biblis
Laserfusion ist ein Verfahren der Kernfusion, bei dem Laser winzige Brennstoff-Kügelchen zur Zündung bringen. Im YouTube-Interview spricht Thomas Forner, Mitgründer und CEO von Focused Energy. Er erklärt, wie in Biblis das erste kommerzielle Laserfusions-Kraftwerk der Welt entstehen soll.
Im Mai 2026 sammelte das Unternehmen 240 Millionen US-Dollar ein. Es ist die größte vollständig gesicherte Series A der Fusionsbranche. Gemeinsam mit RWE plant Focused Energy das Kraftwerk auf dem Gelände des stillgelegten Kernkraftwerks Biblis. Das Gespräch zeigt, wie weit die Technik ist und wo die Hürden liegen.
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Laserfusion: Warum der alte Spott nicht mehr zieht
Fusion sei immer Jahrzehnte entfernt, lautet ein alter Spott. Forner hält dagegen: Seit Dezember 2022 ist die Physik bewiesen. Damals erzielte das Lawrence Livermore National Laboratory erstmals einen Netto-Energiegewinn. Inzwischen liegt der Faktor bei 4,13, mit steigender Tendenz.
Forner vergleicht den Moment mit dem ersten Motorflug der Wright Brothers. Der Flug dauerte 12 Sekunden und reichte 38 Meter weit. Bis zur ersten Passagiermaschine vergingen danach gut zehn Jahre. An genau diesem Punkt sieht er die Kernfusion heute.
Der Laser in Livermore ist mehrere Jahrzehnte alt und arbeitet mit Blitzlampen. Moderne dioden-gepumpte Laser erreichen eine Wall Plug Efficiency von 10 bis über 20 %. Mit diesen Werten wäre der Break-Even laut Forner bereits erreicht. Bessere Kapseln sollen den Gain auf 80 bis 100 heben. Ab diesem Wert rechnet sich ein Kraftwerk.
Kernfusion als Grundlast für Rechenzentren
Für den Betrieb eines Gigawatt-Kraftwerks reichen pro Tag drei Coladosen voll Wasser. Laut Forner entkoppelt nur die Fusion den Energie-Output vom Rohstoff-Bedarf. Sie liefert Grundlast, rund um die Uhr. Genau diese Eigenschaft brauchen KI-Rechenzentren.
Wind und Solar schwanken mit Wetter und Tageszeit. Im vergangenen Sommer produzierte Deutschland tagsüber Überschüsse. Abends und nachts musste das Land teuer Strom importieren. Speicher gegen solche Dunkelflauten würden laut Forner Hunderte Milliarden kosten, allein in Deutschland. Für diese Summe ließen sich viele Fusions-Kraftwerke bauen.
Die Debatte um Batterie-Großspeicher berührt genau diesen Punkt. Speicher glätten Schwankungen über Stunden, kaum über Wochen. Branchenbeobachter sehen hier die Lücke, die Fusion ab den 2040ern füllen könnte. Für KI-Rechenzentren mit Gigawatt-Bedarf ist sie besonders relevant.
So funktioniert Laserfusion im Vergleich zur Magnetfusion
Die Forschung verfolgt zwei Hauptwege. Die Magnetfusion hält ein dünnes Plasma in Tokamaks oder Stellaratoren. Die Teilchen liegen weit auseinander, deshalb muss das Plasma Minuten bis Stunden stabil bleiben. Die Trägheitsfusion mit Lasern arbeitet umgekehrt.
Hier pressen Laser ein 2 Millimeter großes Kügelchen auf etwa 2 Mikrometer zusammen. Der Kern erreicht rund die 1.000-fache Festkörperdichte und 150 Millionen Grad. Der Zustand hält nur Billionstel-Sekunden. Dann läuft eine Brennwelle durch den Treibstoff und verbrennt bis zu 40 % davon.
Focused Energy will diesen Vorgang zehnmal pro Sekunde wiederholen. Ein Gigawatt-Kraftwerk verbraucht so rund eine Million Pellets am Tag. Das Prinzip ähnelt der EUV-Lithografie von ASML. Dort treffen Laser 50.000 Zinntröpfchen pro Sekunde. Der CTO von Focused Energy kommt laut Forner direkt von ASML.
Das Pellet als Kern-IP von Focused Energy
Das Kügelchen ist eine Metallschale, gefüllt mit Deuterium und Tritium. Vor dem Schuss kühlt es auf etwa minus 180 Grad ab. In der Kammer herrschen vom letzten Schuss noch 700 bis 800 Grad. Auf dem Weg zur Mitte darf sich das Pellet nur um rund 0,5 Kelvin erwärmen.
Jede Unebenheit der Oberfläche stört die Implosion. Diese Präzision in Serie herzustellen, ist der Kern der Laserfusion bei Focused Energy. Mitgründer Prof. Dr. Markus Roth begann die Arbeit an der TU Darmstadt vor über 15 Jahren. Heute betreibt das Unternehmen dort ein Labor auf mehr als 2.000 Quadratmetern.
Tritium entsteht im Prozess selbst. Neutronen aus der Fusion treffen Lithium in der Reaktorwand und erzeugen neues Tritium. Deuterium steckt laut Forner in jedem drei- bis viertausendsten Wassermolekül. Für den Betrieb reicht damit im Kern Wasser.
KI beschleunigt die Laserfusion
Die Physiker von Focused Energy nutzen Machine Learning seit Jahren. Mit Sprachmodellen wie Claude und ChatGPT hat sich das Tempo laut Forner vervielfacht. KI wertet Simulationsdaten aus und findet Lücken in den Datensätzen. Daraus leitet das Team die nächsten Experimente ab.
Für jedes Subsystem entsteht ein Digital Twin. Zusammen bilden sie einen Zwilling des gesamten Kraftwerks. Dieser soll später auch den realen Betrieb steuern. Die eigenen Simulations-Codes glich das Team mit Echtdaten aus Livermore ab, gefördert über die US-Behörde ARPA-E.
Eine Testanlage in Austin feuert bereits mehrere hundert Schüsse am Tag. Die Datenmengen erreichen den Petabyte-Bereich. Ohne aktuelle KI-Modelle wäre diese Auswertung laut Forner nicht in diesem Tempo möglich. Das Muster ähnelt dem, was die Redaktion bereits zum Einsatz von KI im Ingenieurwesen beschrieben hat.
Zeitplan: Vom Demonstrator zum Kraftwerk in Biblis
Focused Energy plant einen Demonstrator für 2030 oder 2031. Er erzeugt noch keinen Strom, weist aber alle Kernsysteme nach. Ein Prototyp-Kraftwerk soll um 2035 oder 2036 folgen. Das erste Kraftwerk mit Strom rund um die Uhr ist für Ende der 2030er geplant.
Ein Prototyp-Kraftwerk kostet laut Forner 5 bis 10 Milliarden, unabhängig vom Fusionsansatz. Den größten Anteil machen die Laser aus. Dioden und Laserglas gibt es heute nicht in der nötigen Menge. Forner verweist auf Batterien: Deren Kosten pro Speichereinheit sanken in 20 Jahren um rund 98 %.
Als Vorbild nennt Forner ASML. Der Chipmaschinen-Hersteller gewann TSMC als Kunden, bevor die erste Maschine existierte. Ähnlich will Focused Energy nach dem Demonstrator erste Kraftwerke verkaufen. Spürbar im Energiemix wird die Fusion nach seiner Einschätzung in den 2040er und 2050er Jahren.
Helion, Microsoft und die Frage nach echten PPAs
Sam Altman hat persönlich hohe Summen in das US-Startup Helion investiert. Helion verspricht Microsoft Fusionsstrom ab 2028. Forner bleibt skeptisch. Er kennt keinen wissenschaftlichen Durchbruch ohne Peer Review. Er würde viel darauf wetten, dass 2028 niemand Fusionsenergie liefert.
Die Abkommen mit Microsoft oder Google hält er für weiche Absichts-Erklärungen. Echte Power Purchase Agreements enthalten klare Lieferpflichten und Strafen. Solche Verträge hat derzeit kein Fusions-Startup. Focused Energy richtet sich deshalb früh an Kunden aus. RWE bringt das Wissen über den Betrieb von Kraftwerken ein.
Standort Deutschland: Was die Laserfusion bremst
Vor fünf Jahren verwechselten viele in Deutschland Fusion und Kernspaltung. Energiekrise, der Durchbruch in Livermore und ein Fusions-Programm des Bundes haben das geändert. Forschungsministerin Dorothee Bär baut das Programm weiter aus. Hessen schrieb die Laserfusion früh in den Koalitions-Vertrag.
Die Bremsen sieht Forner woanders. Eine US-Gesellschaft gründete sein Team per DocuSign in zwei Tagen. In Deutschland dauert der gleiche Schritt rund drei Monate. Bauanträge liegen oft drei bis sechs Monate. Virtual Stock Options hält Forner für wirkungslos, echte Beteiligungen sind steuerlich unattraktiv.
Seine Erfahrung aus dem Silicon Valley und Austin ist eindeutig. US-Ingenieure können nicht mehr als deutsche. Sie sehen eher die Chance als das Risiko. Beobachter der Deep-Tech-Szene hören diese Diagnose häufig.
Fazit: Laserfusion als Baustein im Energiemix
Thomas Forner sieht Fusion als Ergänzung zu Solar, Wind, Geothermie und Wasserkraft. Jedes Land braucht einen eigenen Mix. Die Laserfusion soll ab den 2040ern fossile Grundlast verdrängen. Der Weg nach Biblis führt über Engineering, Serienfertigung und KI-gestützte Simulation. Ob Deutschland daraus eine neue Deep-Tech-Industrie formt, entscheidet sich in den nächsten zehn Jahren.
Häufige Fragen
Was ist Laserfusion?
Laserfusion ist eine Form der Kernfusion, auch Trägheitsfusion genannt. Laser pressen ein 2 Millimeter großes Pellet aus Deuterium und Tritium extrem stark zusammen. Im Kern entstehen rund 150 Millionen Grad und die 1.000-fache Festkörperdichte. Die Atome verschmelzen zu Helium und setzen Energie frei. Focused Energy will diesen Vorgang zehnmal pro Sekunde wiederholen und daraus Strom gewinnen.
Wann soll das Laserfusions-Kraftwerk in Biblis Strom liefern?
Focused Energy plant zuerst einen Demonstrator für 2030 oder 2031, der noch keinen Strom erzeugt. Ein Prototyp-Kraftwerk soll um 2035 oder 2036 folgen. Das erste Kraftwerk mit Strom rund um die Uhr ist für Ende der 2030er geplant. Partner am Standort Biblis ist der Energiekonzern RWE. Spürbar im Energiemix wird Fusion nach Einschätzung von Thomas Forner ab den 2040ern.
Welche Rolle spielt KI bei der Kernfusion?
Bei Focused Energy wertet KI Simulations- und Messdaten aus und findet Lücken für neue Experimente. Für jedes Subsystem entsteht ein Digital Twin, zusammen bilden sie das Modell des gesamten Kraftwerks. Dieser Zwilling soll später auch den Betrieb steuern. Modelle wie Claude und ChatGPT haben die Arbeit nach Angaben von CEO Thomas Forner stark beschleunigt.
Was unterscheidet Laserfusion von Magnetfusion?
Die Magnetfusion hält ein dünnes, gasförmiges Plasma in Magnetfeldern, etwa im Tokamak oder Stellarator. Das Plasma muss dort Minuten bis Stunden stabil bleiben. Die Laserfusion erzeugt ein extrem dichtes Plasma für nur Billionstel-Sekunden. Sie arbeitet gepulst und braucht ständig neue Pellets. Den Nachweis eines Netto-Energiegewinns erbrachte die Laserfusion im Dezember 2022 in Livermore.









